Trauerreden
 
     
 
Liebe Trauergemeinde,

im Namen der Familie möchten wir einige Worte an Sie richten:
Als unser geliebter Vater letztes Jahr Ende September in Giessen verstorben ist, war dies ein großer Schock für uns – zu unerwartet und plötzlich war er von uns gegangen, zumal unser Vater stets mit einer robusten Gesundheit gesegnet war und so gut wie nie über eine Krankheit klagte.

Zu der Trauer und dem Schmerz kam die Ungewissheit, wie wir seinen letzten Wunsch erfüllen sollten.
In der Traueranzeige schrieben wir: „Er war ein ungewöhnlicher Mensch und er hat ein ungewöhnliches Leben geführt, als Arzt, Schriftsteller und Poet.“ Wir hatten lange überlegt, wie wir das Leben unseres Vaters treffend charakterisieren könnten. Und in der Tat, er war ein ungewöhnlicher – ein besonderer Mensch.

Oft war er unzufrieden, nicht nur im Kleinen, auch – insbesondere in den letzten Jahren – mit seiner Lebenssituation. Den Weg zurück nach Rumänien wollte er nicht wagen, alleine in Giessen zu leben, gefiel ihm aber ebenso wenig. So war er innerlich zerrissen, er sagte einmal zu mir, etwas im Scherz, als wir über diese Situation sprachen: „Weißt Du, es ist eigenartig, ich fühle mich nicht wohl in Deutschland, was will ich in Giessen? Aber ich kann nicht mehr zurück nach Rumänien, denn ich glaube, ich bin mit dem „deutschen Virus“ infiziert, ich kann nicht mehr zurück!“

Und so verband ihn eine Haß-Liebe mit Deutschland. Viele Enttäuschungen und Rückschläge auf der einen Seite, viele schöne Stunden und Erinnerungen mit unserer Mutter, mit uns, den Kindern, und Freunden.

Das zeigt, dass unser Vater in innerer Unruhe lebte. Aber diese innere Unruhe und Unzufriedenheit, nicht zuletzt sein Heimweh zu seinem geliebten Rumänien, waren Antrieb für sein umfangreiches schöpferisches Werk und für seine große Leidenschaft, die Poesie und die Kunst. Dazu kam die Liebe zur Musik – etwas später geweckt durch seinen Freund, dem Tenor Ion Piso, den er zufällig im Rahmen einer Aufführung in Gießen wiedertraf. So entstand die Leidenschaft zu Guiseppe Verdis Musik. Aus der „Messa da Requiem“ hören wir zum Schluß das „Lux aeterna“ – das ewige Licht. Wenn er zu Besuch war, machten wir regelmäßig eine „Audition“, wie er es nannte, hörten viel Musik und meistens schrieb er dabei Gedichte. Das „Cappricio Italien“ von Peter Tschaikowsky gehörte dabei zum festen Programm, er liebte es besonders, da es seine Liebe zu Italien musikalisch so treffend wiedergab.

So tauchte er tief in seine eigene Welt ein, und wir denken, dass er so auf eine Art Trost, Glück und Zufriedenheit gefunden hat. Doch hatte er auch Sinn für „weltliche Angelegenheiten“: Oft diskutierte er leidenschaftlich mit Mihai über Fußball und die letzten Ergebnisse am Wochenende.

Wie es sein Wunsch war, hat unser Vater nun in seiner Geburtsstadt Arad im Grab seiner Mutter die letzte Ruhe gefunden. Wir hoffen von ganzem Herzen: Möge seine Seele in Frieden Ruhen. Wir werden sein Leben und Werk in Ehren halten.

Im Namen der Familie möchten wir uns bei der gesamten Trauergemeinde bedanken, dass sie unserem Vater die letzte Ehre erwiesen haben. Der Dank gilt auch insbesondere der Familie Klug, ohne deren lieben Hilfe bei der Organisation, diese Trauerfeier so nicht möglich gewesen wäre. Ebenso bedanken wir uns bei allen Freunden unseres Vaters, sowie bei unserer Mutter für Ihre Unterstützung und Hilfe.


Die Söhne Mihai und Alexander Vuia
Arad, 28. März 2003

 
 
 

                           Die Rückkehr des verbannten Helden in die teure Erde des Vaterlandes

                                                               - Dr. Ovidiu Vuia -

                        (18. März 1929, Arad – 29. September 2002, Giessen, Deutschland)

 

 

 

Ich gehe auf der Seite der Theologischen Akademie von Arad diagonal zur „Gradiniţa Bisericii Sârbesti“ vorbei, biege links in die Straße „Trandafiliior“ ab und ende am Brunnen des Viertels. Auf dem Platz Elena Doamna, an der Grundschule, mit drei Kastanienbäumern an der Vorderseite.

Heute sind dort weder Rosen noch Akazien und Kastanienbäume. Aber meine Erinnerungen und die 14 Bücher Ovidius.

 

Dort trafen wir uns regelmäßig im Sommer des Jahres 1936, gern bastelten wir uns Bälle aus Flicken  und warfen diese gegen ein Tor. Ich war sechs Jahre alt, Ovidiu war ein Jahr älter. Wir waren glücklich in der naiven Kinderwelt.

 

Ich habe auch nicht die Statue des Saint Ilie auf dem Hof der Grundschule vergessen, in der Ovidius Mama „Frau Direktorin“ war. Sie war die Klassenlehrerin von mir und von einer Vielzahl von Schülergenerationen, sowie auch von meinen Kindern. Mama, „Schauer der Gedanken“, schreibt Ovidiu ... dort hat sie in uns geweckt, die Absolvierung der „großen Gruppe“, die Größe und Beständigkeit, lehrte uns einst „Engel, mein Engel“, „Sehr schön und süß ist die Sprache, die wir sprechen“, „Mein Land hat Felder“...“Schneeglöckchen, das mir gehört an der Küste“, „Erblühe Gradinile, der Himmel ist wie ein Spiegel...“ das alles ist mir in Erinnerung geblieben.

 

Im Exil, erinnert er sich an Mama: „Mir erscheint auf meinem Weg/ der Gesang der Sonne/ mit einem erblühtem Lächeln auf den Lippen/ gebadet in der Sehnsucht nach Zerstreuung/ die glücklichen Veilchen in meinem Leben“, aber bevor er das Grab mit seiner Mutter teilt, Ovidiu, als seine Haare grau geworden sind, weiter: „Ich möchte dich von dort herausnehmen, mit den Händen in der Erde grabend, und möchte bloß einen Tag mit Dir verbringen, so wie wir einst zusammen waren“: Mit dem Vater Ovidius, Tiberiu Vuia, Anwalt und Zeitungsverleger, sind wir in der Rückseite von Primarieri spazieren gegangen, wo er zwei Stunden wöchentlich Militärblasmusik spielte. So habe ich durch das Orchester gelernt, die „Serenade des Botto“ zu spielen.

 

Im Haus seines Großvaters, ein rumänischer orthodoxer Priester, kam Ovidiu mit verschiedner Litertur in Verbindung, mit Bibeln, Estetica von Hegel, Etik von Epiclet. Dort, im Hof der Kirche in Semlac, eine wohlhabende Komune in jener Zeit am Mures, befinden sich die Wurzeln der Familie.

 

Das Leben hat uns getrennt. Er hat das Lizeum „Moise Nicoara“ in Arad abgeschlossen.

Er besuchte weiter die Fakultatät der Literatur und Kunst in Cluj sowie Medizin, erlangte den Doktor in Medizin mit der Auszeichnung Summa cum laude. Er war Arzt im Bezirk in Moldava, wurde zum Assistent an der Universität in Cluj an der Fakultatät für Medizin. Im Jahre 1969 forschte er am Institut für Neuropathologie an der Akademie in Bukarest.

 

Er verließ das Land und in den Jahren 1970-1971 war er Neuropathologe am Max-Planck-Institut in München. Danach versprach man ihm die Forschung in der Neuropathologie mit einem Elektronenmikroskop an der Universität Giessen. Die Möglichkeit der Arbeit mit diesem modernen Unikat, nahm ihn ein und so blieb er in Deutschland. Er erneuerte seinen Doktortitel und bekam den Titel als Privatdozent. Die politische Macht in Rumänien zu dieser Zeit verurteilte ihn in seiner Abwesenheit zu lebenslanger Haft. Ovidiu heiratete in Deutschland und hatte zwei Söhne, Mihai und Alexandru.

 

Der enziklopädische Geist reiste durch ganz Europa. Insbesondere zog ihn die Kunst und die Kultur Italiens an, er lebte sie und schrieb über sie in seinen Werken und sie passte zu seinem Talent. Die Muse umarmte ihn noch viel mehr in seinen Schriften und Gedichten.

Von dem ersten Gedicht an, „Das Poem über Nastasia“ datiert auf 1947, geschrieben in Arad, schrieb er unaufhörlich und noch vieles mehr. Das Werk seines literarischen Schaffens umfasst 14 Bücher, Gedichte, Prosa und Philosophie. Bei seinem Tod war das Manuskript über Pamfil Seicaru abgeschlossen, und ein Schreiben an mich, datiert auf den 26, September 2002. Sein Schreiben enthält weder Trauer noch Verzweiflung. Er begründete zusammen mit Herrn Casin Popescu zusammen im Exil die Zeitschrift „Zodii in cumpana“ mit welcher er regelmäßig kolaboriert hat und durch dieser haben wir uns hier in der Verbannung wiedergetroffen.

 

Schlagen Sie egal welche Seite eines Buches von Ovidiu Vuia auf. Sie sehen seine anerkannte Gelehrtheit, umfassende rumänische und universelle Kultur, die Geschichte der Zivilisation und der Kunst, begleitet von der Traurigkeit des Exils und der Einsamkeit, tief sein Glaube in den Schöpfer der Welt, so wie die Liebe welche Gott und seinem Vaterland gewidmet ist.

 

Mich bedankend für den zweiten Teil von „In gradinile lui Apolo“, schrieb ich ihm enthusiastisch, dass ich begeistert war von den Wegen voller Zauber in seinen Bücher. Ich habe mich daraufhin korrigiert, bittend um Hilfe für den richtigen Wegweiser, darum in die Großartigkeit seiner Gedanken eindringen zu dürfen. Das Buch „Cartea unui pelerin al poeziei“ erschien im Jahre 1995. Es umfasst 525 Seiten mit über 1000 Gedichten.

Im zweiten Teil erzählt und weint er um die Liebe zu seinem Vaterland. Im vierten Teil, insbesondere im Buch „Spre adevaratul Eminescu“, in denen er außerdem über das Genie Eminescus schreibt, mit rehabilitierender Kühnheit, dass dieser weder Alkoholiker gewesen ist, noch an Siphilis erkrannt war, sondern nur eine komplexe Psyche hatte, eine Behandlung mit Quecksilber in toxischen Dosen aber fehl geschlagen ist, verschuldet von seinen behandelnden Ärzten Marinescu und seinem Mentor Titu Maiorescu.

 

Man spricht davon, das man im Land die Werke der Menschen der rumänischen Kultur im Exil herausgeben wird. Es wird eine wohltuende Belohnung, dass sich OVIDIU VUIA an diesem Ort der rumänischen Kultur befinden wird. Arad hat die Pflicht, sein Werk zu ehren durch die Errichtung einer Büste, die von seinem Genie und Heldentum hier zeugt.

 

Überwältigt von der Qual des Exils und die der Einsamkeit, die Menschen um ihn herum hatten keine Geduld, ihn zu verstehen, noch die Kraft seine unsterbliche Größe seines Geistes zu erfassen. Es ist die Pflicht der Generationen, das Werk Ovidiu Vuias, in dem er von der innigen Liebe zu Gott und seiner Liebe zu seinem Volk begleitet von seinem Verlassen und als Märtyrer schreibt, mit kritischem Geiste und mit Urteilskraft zu beurteilen.

 

Du hast Dir  gewünscht das Dein Körper sich verwandeln wird, in den Himmel ragend, wie ein hölzerner Kirchturm einer rumänischen orthodoxen Kirche.

Dir habe ich geantwortet: „Dein Gipfel ist hoch, vergoldet, das Paradies ist ihm gewidmet.“

 

Deine Seele badet in den blauen Himmeln, so wird die rumänische Literatur von der Fackel Deiner Gelehrtheit erhellt werden.

 

Bitten Sie für den Frieden seiner Seele, das Gott ihm vergeben möge, und dass er uns vergeben möge....

 

 Tiberiu Klug-Miscovici

 

(Übersetzung aus dem rumänischen von Alexander Vuia)